21.07.2010 | 16:39
Einstieg für Außenseiter
Unter dem Motto „Meine Chance – ich starte durch“ gab die Telekom vor einem Jahr 61 benachteiligten Jugendlichen ein Jahrespraktikum. Alle haben eins gemeinsam: Sie suchten schon länger als ein Jahr einen Ausbildungsplatz und kommen aus einem Hartz IV-Haushalt. Es ist eine Erfolgsgeschichte.
Wer sich im Telekom Shop in Essen von Nora Hübner beraten lässt, kommt nicht auf die Idee, dass diese junge Frau eine benachteiligte Jugendliche sein könnte. Freundlich und kompetent erläutert sie sowohl die Einzelheiten von Verträgen als auch die Funktion unterschiedlicher Handys. Doch die 22jährige hat in der Arbeitswelt bereits einen Leidensweg hinter sich: Nach der Realschule begann die gebürtige Sächsin eher aus Mangel an Alternativen eine Ausbildung als Diätassistentin an einer privaten Schule in Görlitz. Als das Schulgeld dann aber im 2. Lehrjahr auf 100 Euro im Monat erhöht wurde, brach Nora Hübner die Ausbildung ab. Schulgeld und Miete, das war ihr zu viel. Ihre Mutter lebt von Hartz IV und kann sie nicht unterstützen. So bewarb sich Hübner auf viele Ausbildungsplätze in Görlitz, Dresden und Leipzig - ohne Erfolg. „Das war eine schlimme Zeit, voller Zukunftsangst“, erinnert sich die junge Frau. Trotz Selbstzweifeln hat sie sich in dieser Zeit immer wieder gesagt, dass ihre Arbeitslosigkeit mehr mit der wirtschaftlichen Situation in Görlitz als mit ihr zu tun habe. Im August 2009 zog sie zu ihrem Freund nach Essen und wurde dort von der Agentur für Arbeit auf das Modellprojekt der Telekom zur Einstiegsqualifizierung aufmerksam gemacht. Seit 1. September 2009 ist sie eine von 61 Jugendlichen, die unter dem Motto „Meine Chance – ich starte durch“ ein Jahrespraktikum bei der Telekom absolvieren. Statt Arbeitslohn bekommen die Praktikanten Hartz IV sowie eine Aufstockung von € 212 von der Agentur für Arbeit. Für Hübner bedeutete dies auch Kampf. Denn die Behörde wollte ihr zunächst kein Hartz IV zahlen, weil sie mit ihrem Freund zusammenlebt. „Ich mache drei Kreuze, wenn ich das Thema Hartz IV hinter mir habe und mein eigenes Geld verdiene“, sagt Hübner mit einem optimistischen Lächeln. Jetzt kann sie beruhigt in die Zukunft schauen, sie hat das Praktikum mit Bravour durchlaufen und steigt im September in das zweite Ausbildungsjahr als Einzelhandelskauffrau ein. Die Chancen stehen gut, dass sie auch nach der Ausbildung bleiben kann. Denn die Telekom geht neue Wege bei der Rekrutierung von Auszubildenden, weil sie in den nächsten Jahren einen Mangel an Fachkräften befürchtet. „Mit dem Projekt bereiten wir uns auf den demografischen Wandel vor. Wir wollen und wir dürfen nicht tatenlos dabei zusehen, wie der traditionelle Talentfluss versiegt“, erläutert Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger. Darüber hinaus gelte, dass Ausbildung die beste Sozialpolitik sei, da sie vor Arbeitslosigkeit und Armut schütze.
Die 61 Einstiegsqualifizierungs (EQ) -Praktikanten des Pilotprojekts „Meine Chance – ich starte durch“ haben sehr unterschiedliche Lebensläufe: Einige haben gar keinen Schulabschluss, andere Haupt- oder Realschulabschlüsse. Etwa Zweidrittel sind männlich und die Hälfte hat einen Migrationhintergrund. Ihr bisheriges Scheitern hatte viele Gründe: im Umfeld, in der Familie sowie Mangel an Möglichkeiten.
Dominic Kuhlkamp hat schon als Kind lieber gewerkelt als gelernt. Nach der Realschule, so war sein Plan, macht er eine technische Lehre. Doch da er keine guten Noten hatte, wurde er nur selten zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Eher zum Zeitvertreib besuchte er das Berufskolleg Essen, um ein Fachabitur Holztechnik zu machen. Er bricht die Schule ab. „Es war schrecklich langweilig, der Stoff hat mich null interessiert“, erklärt der heute 22jährige. Er verfolgte weitert seinen Traum von einer praktischen Ausbildung und verschickte in einem Jahr über 200 Bewerbungen. Doch weder Tischler-, noch Maler-, noch Kfz-Betriebe wollten den Jugendlichen nehmen, der an Asthma leidet. „Das war sehr stressig und ich hatte oft Streit“, erinnert sich Kuhlkamp. Das Praktikum bei der Telekom im Bereich IT eröffnet ihm neue Perspektiven.
„Wir müssen anders auf diese jungen Leute zugehen, um ihre Talente zu fördern. Wir müssen ihnen deutlich machen, warum sie etwas lernen“, erklärt der Leiter des Pilotprojekts Dieter Duchewitz. Das Besondere an diesem Modell: Die Praktikanten laufen nicht nur mit, sondern dürfen und müssen mit anpacken. Dominic Kuhlkamp findet das gut, weil er so das Gelernte gleich anwenden könne. Einmal habe er nach einem Kurs über neue Schalttechniken sogar dem Monteur vor Ort noch etwas erklären könne. „Das war eine schöne Erfahrung. Wir werden ernst genommen“, freut sich Kuhlkamp. Seine Noten in der Berufsschule sind gut. Als Praktikant überrascht er sich manchmal selbst: „Wenn ich auf Montage etwas nicht verstanden habe, suche ich noch abends in meinen Lehrbüchern nach einer Lösung.“ Das hätte er früher nie gemacht. Kuhlkamp wird im September in das zweite Ausbildungsjahr als IT-Systemelektroniker einsteigen.
„Wir sind total überrascht vom Erfolg unseres Modell“, betont Projektleiter Duchewitz. Nur wenige hätten den Übergang in die Ausbildung nicht geschafft. „Unser Projekt zeigt, dass es sich lohnt, gerade den auf den ersten Blick nicht sichtbaren Talenten eine Chance zu geben“, bilanziert Sattelberger. Kein Arbeitgeber kann es sich langfristig leisten, die Arbeitskraft und Fähigkeiten junger Menschen brach liegen zu lassen. Deshalb sollte dieses Beispiel Schule machen.