Hohe Mieten verschärfen die finanzielle Belastung vieler Familien in München
Ein Soziologe der LMU München kritisiert, dass die gängige Armutsstatistik regionale Lebenshaltungskosten nicht ausreichend berücksichtigt.

München. München gilt als wohlhabende Stadt. Doch hohe Mieten und steigende Lebenshaltungskosten bringen auch Menschen mit regelmäßigem Einkommen finanziell an ihre Grenzen.
Viele von ihnen erscheinen in den offiziellen Armutsstatistiken nicht, obwohl nach Abzug der Wohnkosten nur wenig Geld für den Alltag bleibt.
In Deutschland gelten rund 13,3 Millionen Menschen als armutsgefährdet. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung.
Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für eine alleinlebende Person lag diese Schwelle im Jahr 2025 bei 1.446 Euro netto im Monat.
Eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren galt bei weniger als 3.036 Euro als armutsgefährdet.
Relative Armut in München: die wichtigsten Fakten
- In Deutschland gelten rund 13,3 Millionen Menschen, also 16,1 Prozent der Bevölkerung, als armutsgefährdet.
- Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. 2024 galten 15,2 Prozent der unter 18 Jährigen als armutsgefährdet, mehr als 2,2 Millionen junge Menschen.
- Diese bundesweiten Werte berücksichtigen regionale Unterschiede bei Mieten und Lebenshaltungskosten nicht ausreichend.
- In München können Menschen trotz eines Einkommens oberhalb der statistischen Schwelle finanziell stark belastet sein.
- Relative Armut bedeutet nicht unbedingt, dass die grundlegenden Bedürfnisse ungedeckt sind. Sie zeigt sich häufig durch eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe, etwa bei Freizeit, Kultur, Mobilität oder sozialen Kontakten.
- Die Armut bleibt oft unsichtbar, weil Betroffene statistisch nicht erfasst werden und aus Scham nur selten über ihre finanzielle Situation sprechen.
- Bildung beeinflusst die Aufstiegschancen erheblich. Ein niedriger oder fehlender Schulabschluss erhöht das Risiko für Niedriglohn, Arbeitslosigkeit und eine Weitergabe von Armut über Generationen.
- Der Soziologe Samuel Jalalian von der LMU München spricht deshalb im Interview mit dem Münchner Merkur von einer systematischen Unterschätzung der Armut, insbesondere in Städten mit sehr hohen Wohnkosten wie München. (Originaltitel: „Systematisch unterschätzt“: Experte findet deutliche Worte für Problem in München, von Felix Herz)
Bundesweite Schwelle, Münchner Lebenshaltungskosten
Das Problem: Die Berechnung berücksichtigt nicht, wie unterschiedlich die Lebenshaltungskosten in Deutschland ausfallen. Besonders in München machen die Wohnkosten einen großen Teil des Einkommens aus.
Wer beispielsweise 1.900 Euro netto verdient und davon 1.300 Euro für die Miete aufbringen muss, liegt rechnerisch über der Armutsgefährdungsschwelle. Für Lebensmittel, Strom, Kleidung, Mobilität und soziale Teilhabe bleiben in diesem Fall jedoch nur 600 Euro. In einer Region mit deutlich niedrigeren Mieten könnte einer Person mit geringerem Einkommen am Monatsende mehr Geld zur Verfügung stehen.
Der Soziologe Samuel Jalalian von der Ludwig-Maximilians-Universität München spricht in einem Merkur-Interview deshalb von einer systematischen Unterschätzung der Armut.
Menschen können in München statistisch als nicht arm gelten, obwohl ihre finanziellen Möglichkeiten nach Abzug der Miete äußerst begrenzt seien.
Relative Armut bleibt häufig unsichtbar
Im Unterschied zur absoluten Armut, bei der grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung oder ein Dach über dem Kopf nicht gesichert sind, beschreibt relative Armut eine eingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Betroffene können ihren Alltag möglicherweise noch bewältigen, müssen aber auf vieles verzichten.
Dazu gehören etwa Freizeitaktivitäten, Klassenfahrten, kulturelle Angebote oder regelmäßige Treffen mit anderen Menschen. Gerade in einer teuren Stadt wie München kann dieser Verzicht zum dauerhaften Zustand werden. Gleichzeitig ist relative Armut schwerer sichtbar und für viele Betroffene mit Scham verbunden.
Auch Kinder und Jugendliche sind besonders betroffen. Im Jahr 2024 galten 15,2 Prozent der unter 18-Jährigen in Deutschland als armutsgefährdet. Das entspricht mehr als 2,2 Millionen jungen Menschen.
Armut kann sich über Generationen fortsetzen
Studien belegen: Das Armutsrisiko ist eng mit den Bildungs- und Aufstiegschancen verbunden. Ein niedriger oder fehlender Schulabschluss erhöhe die Gefahr, später im Niedriglohnsektor zu arbeiten oder erwerbslos zu werden. Dadurch könne sich Armut von einer Generation zur nächsten fortsetzen.
Die Chancen auf Bildung und soziale Teilhabe sind dabei nicht für alle Kinder gleich. Laut den vorliegenden Angaben ist die Wahrscheinlichkeit, formal geringqualifiziert zu bleiben, für Kinder aus Arbeiterfamilien mehr als 13-mal so hoch wie für Kinder aus akademisch geprägten Elternhäusern.
Mehr als eine Frage der Statistik
Die Situation in München zeigt, dass Armut nicht allein am monatlichen Einkommen gemessen werden kann. Entscheidend ist auch, welche Kosten diesem Einkommen gegenüberstehen. Wer einen großen Teil des Gehalts für die Miete ausgeben muss, hat deutlich weniger Möglichkeiten, Rücklagen zu bilden oder unerwartete Ausgaben zu bewältigen.
Eine Statistik, die regionale Miet- und Lebenshaltungskosten nicht einbezieht, kann diese Belastung nur unvollständig abbilden. Relative Armut bleibt dadurch für viele Menschen unsichtbar, obwohl sie ihren Alltag und ihre Zukunftschancen erheblich prägt.
Mehr erfahren » gegen Kinderarmut in München -> Projekt Frühstücksklub
