Geld für mehr Teilhabe erreicht einen Großteil der ärmeren Kinder nicht
Ein Kommentar von Maria Jolanda Boselli, Pressesprecherin der Kinderhilfe Deutsche Lebensbrücke
Die Bertelsmann-Stiftung hat neue Zahlen zur Nutzung des Teilhabepakets für Kinder aus Familien mit Grundsicherung vorgestellt. Das Ergebnis: Dieser Ball geht ins Aus!
Die Idee hinter dem Teilhabepaket ist alt: Kinder aus finanziell benachteiligten Familien sollen auch dann an Aktivitäten teilhaben können, wenn zu Hause das Geld dazu fehlt. Schon seit 2009 wurden Kinderarmut und Benachteiligung diskutiert. 2010 kritisierte das Bundesverfassungsgericht die mangelnde Berücksichtigung der Bedürfnisse von Kindern bezüglich Teilhabe und Bildung. Was die damalige Regierung deshalb „erfand“ und 2011 in Kraft setzte, war das Teilhabepaket. Das ist jetzt 15 Jahre her. Hat sich was verbessert, in puncto Teilhabe? Oder Bildungschancen? Nope.
Kein Wunder. Gleich beim ersten Satz erkenne ich, dass da was nicht passt. „Teilhabepaket“ – das hört sich an wie, keine Ahnung, jedenfalls wie etwas Schweres, das man teilen muss, um es zu haben, aber halt nur teilweise. Wonach es sich definitiv nicht anhört, obwohl es doch gerade die schenken soll: nach Freiheit. Freiheit, den Sport zu machen, den der Max und der Flo und der Denis auch machen. Fußball, im Verein. Freiheit, ins Ballett zu gehen oder in die Hiphop Klasse. Oder zum Flöten. Oder Turmspringen. Oder Reiten. Oder ins Pfingstzeltlager.
Warum?, höre ich Politiker*innen fragen, übrigens durchaus parteiübergreifend und immer dann, wenn sie an der Regierung waren. Die anderen haben schon immer am Paket herumgenörgelt, aber halt doch eher aus dem oppositionseigenen Impuls heraus. Auf die Kritik der Non Profit Organisationen, Verbände, Kindervertretungen und, und, und – die Liste ist ziemlich lang, ehrlich – hat eigentlich niemand gehört.
Darum geht’s beim Bildungs- und Teilhabepaket
Vorab nochmal ein paar grundlegende Infos dazu.
- Die finanziellen Hilfen sollen Kindern aus Familien mit Grundsicherung Sport oder Ferienfreizeiten ermöglichen.
- Dafür stehen den Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr monatlich 15 Euro zu. 15 Euro! Damit kann man … ja, genau. Damit kann man eigentlich praktisch nichts. Aber dazu komme ich später.
- Zum Teilhabepaket gehören noch andere Leistungen, wie etwa ein kostenloses gemeinsames Mittagessen in der Schule – also dort, wo es überhaupt angeboten wird. Der Zuschuss für Schulbedarf wird dagegen immerhin von 78 % der Berechtigten genutzt. Die anderen 22 lutschen wahrscheinlich am Bleistift und schreiben auf Tischdecken.
Fakt ist:
Auch laut der aktuellen Bertelsmann-Studie hat sich nichts geändert: Das Bildungs- und Teilhabepaket ist eine Nullnummer, denn bei acht von zehn Berechtigten, das sind sie, wenn ihre Eltern Grundsicherung beziehen, kommt das Geld nicht an.
Ein großer Teil der anspruchsberechtigten Kinder und Jugendlichen erhält gemäß der Studie nicht den ihnen zustehenden monatlichen Teilhabebetrag von 15 Euro.
Von den Sechs- bis unter 15-Jährigen nehmen demnach lediglich rund 18 Prozent die staatliche Leistung in Anspruch. Bei den 15- bis unter 18-Jährigen seien es 12 Prozent.
Bei Jugendlichen, die Sozialhilfe beziehen oder die unter das Asylbewerberleistungsgesetz fallen, ist die Inanspruchnahme sogar noch geringer. Wie die Inanspruchnahme bei Kindern aus Familien, die Wohngeld oder Kinderzuschlag beziehen, aussieht, ist nicht bekannt – es fehlen hier schlicht die Daten!
Allerdings variiert die Inanspruchnahme stark nach Bundesländern. In Schleswig-Holstein ist die Zahl mit 59 Prozent der Nutzer des Teilhabepakets am höchsten, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern mit 38 Prozent. Während Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit einer Bewilligungsquote von rund 21 und 15 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegen, wird in Berlin, Hamburg und Rheinland-Pfalz der Betrag nur von 10 Prozent der Berechtigten in Anspruch genommen.
10 Gründe, warum das Teilhabepaket nicht funktioniert
Wie versprochen hier die 10 wichtigsten Gründe, die dem Erfolg des Pakets entgegenstehen.
1. Zu wenig bekannt – Viele anspruchsberechtigte Familien wissen gar nicht, dass es das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) gibt – die Info kommt nicht an. Es fehlt einfach an der Verbreitung über die richtigen Kanäle.
2. Komplizierte Antragsverfahren – Unterschiedliche Zuständigkeiten, Formulare und Nachweise schrecken viele Eltern ab, vor allem solche, die Probleme mit Ämtern haben. Wer kaum oder nicht wirklich gut deutsch spricht, ist ohne eine Hilfe beim Lesen und Ausfüllen komplett überfordert.
3. Immer wieder neue Anträge – Leistungen müssen häufig erneut beantragt oder immer wieder nachgewiesen werden – das kostet Zeit und Nerven, ist kompliziert und überfordert Eltern, die ohnehin unter sozialem und finanziellem Stress stehen.
4. Zu geringe Leistungen – Die Pauschalen decken die tatsächlichen Kosten oft nicht ab, insbesondere im Sport oder bei Klassenfahrten. Die sind oft höher als 15 Euro.
5. Versteckte Kosten bleiben unberücksichtigt – Auch, wenn die Vereinsbeiträge übernommen werden – wofür im Paket kein Geld da ist, sind z.B. Sportkleidung, Schuhe, Ausrüstung, Wettkampfgebühren und Fahrten, ein Musikinstrument oder die Leihgebühr, Unterrichtsmaterial wie Noten, Malsachen und, und, und.
6. Scham und Angst vor Stigmatisierung – Viele Eltern beantragen die Leistungen bewusst nicht, weil sie nicht als bedürftig gelten möchten. Es fehlt eine einfache, deutliche Erklärung zum Sinn dieser Unterstützung – was bleibt ist das Gefühl: „wir haben versagt, und alle sehen es.“
7. Starre Anspruchsgrenzen – Familien knapp oberhalb der Einkommensgrenze gehen leer aus, obwohl sie sich viele Angebote ebenfalls nicht leisten können.
8. Zu viel Bürokratie für Vereine und Schulen – Manche Einrichtungen verzichten auf Angebote oder helfen nur eingeschränkt, weil die Abrechnung aufwendig ist.
9. Leistungen kommen zu spät – Bis ein Antrag bewilligt ist, hat das Kind möglicherweise den Kurs, das Training oder die Klassenfahrt bereits verpasst.
10. Die Familien müssen selbst aktiv werden – Das System ist eine „Komm-Struktur“: Wer keinen Antrag stellt oder Unterstützung beim Ausfüllen hat, erhält auch keine Leistung. Gerade Familien mit Sprachbarrieren oder geringer Behördenkompetenz sind dadurch benachteiligt.
So könnte es mit der Teilhabe klappen
Wer nur kritisiert, trägt nicht zur Lösung des Problems bei. Deshalb hier 10 Ideen, wie diese wichtige finanzielle Unterstützung tatsächlich bei den bedürftigen und berechtigten Kindern ankommen könnte.
1. Automatische Bewilligung statt Antragspflicht
Wer Bürgergeld, Kinderzuschlag, Wohngeld oder Sozialhilfe erhält, sollte die Teilhabeleistung automatisch angeboten oder bewilligt bekommen – ohne zusätzlichen Antrag, als „Bring“- und nicht als „Sollstruktur“, die nur greift, wenn die Berechtigten davon erfahren.
2. Eine Anlaufstelle statt vieler Formulare
Eine zentrale Stelle pro Kommune, die Familien berät und Anträge bündelt, würde viele Hürden abbauen. Heute wissen viele Eltern nicht einmal, wer zuständig ist. Die Info über diese Stelle sollten alle Eltern in jedem Schuljahr/Kitajahr als Elterninfo mitbekommen. Und unterschrieben zurückbringen!
3. Geld direkt dorthin geben, wo es gebraucht wird
Statt dass Eltern in Vorleistung gehen müssen, könnten Kommunen direkt mit Vereinen, Musikschulen oder anderen Anbietern abrechnen. Das würde unendlich viele Barrieren abbauen.
4. Mehr Geld für die tatsächlichen Kosten
Die Förderung sollte nicht nur den Mitgliedsbeitrag berücksichtigen, sondern auch das kostspielige „Drumrum“ wie
- Sportkleidung
- Schuhe
- Ausrüstung
- Startgebühren
- Fahrten zu Wettkämpfen
- Leihgebühr für Instrumente
- Ausrüstung für Freizeiten
- Kursmaterialien etc.
5. Vereine als Partner einbinden
Sportvereine wissen oft als Erste, welche Kinder Unterstützung brauchen. Sie könnten stärker eingebunden werden – mit einfachen Verfahren und festen Ansprechpartnern. So würden sie als Brücke zu den Familien funktionieren, und die Kinder kämen wirklich in den Genuss der Hilfen.
6. Aktive Ansprache statt „Wer kommt, bekommt Hilfe?“
Schulen, Kitas, Vereine und Jugendämter müssten Familien gezielt informieren. Gerade Familien, die neu in Deutschland sind, Familien mit geringen Deutschkenntnissen, aber auch solche, die so viel um die Ohren haben, dass es für „eine Sache mehr“ einfach nicht reicht, könnten so erreicht werden – ohne, dass sie etwas dafür tun müssen, was außerhalb ihrer Kräfte liegt.
7. Weniger Bürokratie für Ehrenamtliche
Kleine Vereine und NGOs können keine Verwaltungseinheiten ersetzen. Ein vereinfachtes Verfahren mit wenigen Nachweisen würde helfen. Menschen, die sich hinsetzen und ausfüllen, abschicken, nachhaken. Klingt so einfach, ist so wichtig!
8. Unbürokratische Vereinsfonds fördern
Kommunale oder staatliche Fonds sollten Vereinen u.ä. ermöglichen, Kindern schnell und diskret zu helfen – ohne dass jedes Paar Turnschuhe, jede Teilnahme an einer Freizeit, jede Mal-, Musik- oder Ballettstunde über einen Antrag laufen muss.
9. Mehr Spielraum für Grenzfälle
Familien knapp über der Einkommensgrenze dürfen nicht automatisch ausgeschlossen sein. Eine Härtefallregelung könnte verhindern, dass gerade die „arbeitende Armut“ durchs Raster fällt.
10. Teilhabe als Kinderrecht verstehen
Der vielleicht grundlegendste Ansatz: Sport, Musik und Gemeinschaft sollten nicht als freiwilliger Luxus gelten, sondern als wichtiger Teil von Entwicklung, Gesundheit und Integration.
Das sind nur Ideen. Aber sie kommen nicht allein aus meinem Kopf. Viele Verbände, Vereine und Organisationen denken darüber nach. Und vielleicht ist die Kinderlobby in der Politik irgendwann – hoffentlich bald – so stark, dass etwas davon umgesetzt wird.
